Mein Freund der Pirat

Die vier Mitglieder der Piratenfamilie – Mutter, Vater, Sohn und Großvater – schauen uns von oben blickend herausfordernd an

Ein sicherer Hafen

Der friedliche Alltag im beschaulichen Küstenort Sandberg wird plötzlich umgekrempelt, als die Piratenfamilie Donnermann mit ihrem Schiff vor Anker geht. Seit genau 12 Jahren, 7 Monaten und 3 Tagen sind Hector, seine Frau Betsie, Sohn Billy und der Großvater gemeinsam mit ihrem Octopus Freddy und dem Hai Roy auf der Flucht vor ihrem Erzrivalen Krillis. Als Billy auf die Welt kam, wollte Hector seiner Familie ein Leben in Frieden ermöglichen und sesshaft werden. Doch Krillis spürte sie immer wieder auf und die Donnermanns mussten erneut in See stechen. In Sandberg würden sie endlich eine neue Heimat finden – da ist sich Hector sicher.

Piratenjunge Billy und Elisabeth stehen sich herausfordernd mit Holzschwertern gegenüber, Michael sieht zu

Die Piraten von nebenan

Fernab von Raubzügen, den schnaps-durchtränkten Nächten und wilden Abenteuern stellt sich das allerdings für die Piraten in dieser behüteten Umgebung als schwieriges Unterfangen dar. Während sich die gleichaltrigen Nachbarskinder Michael und Elisabeth sofort mit Billy anfreunden und von ihm beim Schwertkampf- und Weitspuck-Training alles über das Piratenleben lernen, fragen sich einige besorgte Bürger, ob sich die wilden Piraten an die Grundsätze des nachbarschaftlichen Zusammenlebens – „Ruhe, Sauberkeit, Regelmäßigkeit“ – halten werden.

Die Piraten auf der Bürgerversammlung, im Publikum hält jemand ein Schild mit einem durchgestrichenen Piraten-Totenkopf und dem Wort „Nee!“ hoch

Andere Kulturen, andere Sitten

Tatsächlich geht es bei den Donnermanns etwas anders zu als bei den meisten Menschen: Der Piraten-Großvater mit dem Holzbein trinkt Rum zum Frühstück. Gäste werden aufgefordert beim Essen zu rülpsen, die Nachspeise wird zuerst serviert und den Fisch gibt es roh. Es dauert daher nicht lange und eine Gruppe von Anwohnern verlangt, die Donnermanns sollen aus dem Ort verschwinden. Als der durchtriebene Krillis auftaucht und die Schatzkiste der Familie stiehlt, spitzt sich die Lage zu. Der Versuch, ehrliches Geld zu verdienen, misslingt. Diese Chance nutzt Krillis, um die Piratenfamilie wieder auf das Meer zu locken. Doch Michael und Elizabeth lassen ihren neuen Freund nicht so einfach davonziehen…

Über den Film

Der witzige und oft actionreiche Abenteuerfilm, basierend auf einer niederländischen Kinderbuchreihe von Reggie Naus, verhandelt den Umgang mit Anderssein. Der Kontrast zwischen dem aufgeräumten, spießigen Sandberg mit seinen grauen Reihenhäusern und eingezäunten Vorgärten und dem anarchisch-bunten Piratenschiff der Donnermanns wird visuell mit viel Witz und Liebe zum Detail in Szene gesetzt. Auch wenn der Film sich mit seinem epischen Soundtrack, Spezialeffekten und klamaukigen Piratenfiguren an Hollywood-Vorbildern wie „Fluch der Karibik“ (2003-2017) orientiert, werden Parallelen zu Flucht, Migration und Integration sensibel verhandelt. Eine vorgespielte Toleranz – die Piraten sind willkommen, solange sie sich bloß nicht zu laut, wild und eben „piratig“ verhalten – nimmt der Film genauso auf die Schippe wie die Vorurteile und Proteste derjenigen, die die Familie direkt wieder aus dem Dorf werfen wollen. Stattdessen spricht sich „Mein Freund, der Pirat“ für eine echte Wertschätzung von Verschiedenheit und ein Zusammenleben in Vielfalt aus.
Roberta Huldisch, kinofenster.de

Der Film, den Regisseur van Hoeve nach einem Kinderbuch von Reggie Naus adaptierte, bietet aber mehr als nur Unterhaltung für die Kleinen. Den Erwachsenen gibt er einiges zum Nachdenken mit auf den Nachhauseweg. Denn unter der an der Oberfläche erzählten Geschichte von einer Piratenfamilie, die unfreiwillig an einen fremden Ort verschlagen wird und dort nicht nur auf Willkommensgesten, sondern auch auf Ablehnung stößt, liegt selbstredend ein Subtext, der von Flucht und dem Umgang einer Gesellschaft mit Geflüchteten handelt. Wie van Hoeve unserer westlichen Gesellschaft den Spiegel vorhält und Rassismus wie Heuchelei gleichermaßen entlarvt, ist für die Kleinen wie die Großen ein großer Spaß.
Falk Straub, spielfilm.de

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